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Freispitze (2884 m) von Bach über den Dreischartle-Anstieg/ Lechtaler Alpen 11.01.20
#1
Die Freispitze (2884 m) in den Lechtaler Alpen ist sicherlich eine der, ja wenn nicht sogar DIE Königstour unter den Lechtaler Skitouren. Der winterliche Anstieg von Bach (1066 m) im Lechtal über das Madau- und Alperschontal in die Einschartung „Dreischartle“ sowie der Fußaufstieg über den anspruchsvollen Dreischartle-Anstieg zum Gipfel ist sicherlich in mehrerlei Hinsicht etwas Besonderes und hebt sich von vielen anderen Lechtal Touren ab. Egal von welcher Seite im Lechtal betrachtet erscheint einem die Freispitze definitiv nicht gerade als Skiberg. Die ersten drei sowie das allerletzte Bild dieses Berichts zeugen davon und zeigen diesen Prachtsberg von verschiedenen Perspektiven. Nun sind die Lechtaler Alpen ja bekanntermaßen berühmt für die vielen zum Teil äußerst anspruchsvollen Skitouren, bei denen meist eh nur der erfahrene Skibergsteiger gefragt ist. So ist es auch nicht weiter verwunderlich das im Panico Skitourenführer Lechtaler Alpen sehr viele Touren mit den Schwierigkeitsstufen 3 und 4 bewertet sind. Die Panico Skitouren-Schwierigkeitsskala kennt in allen Skitouren Führerwerken nur die Stufen 1, 2, 3 und 4.
 
Die Skitour zur Freispitze jedoch wird in der Panico Welt mit der einzigartigen, ominösen Schwierigkeitstufe 5 (!)bewertet. Die Tour wurde nie in den Skitourenführer mit aufgenommen und es gibt lediglich in den Archiven der Panico Homepage ein älteres, etwas verpixeltes Beschreibungs PDF zu finden. Was irgendwie den Reiz dieser Tour zusätzlich ausmacht. Diese Tatsachen und der Fakt, dass ich trotz bisher zweier Klettertouren in der berühmten Freispitze Südwand noch nie auf dem Hauptgipfel gestanden bin ließen diese Tour schon seit geraumer Zeit weit oben auf meiner Lechtal SkiToDo Liste stehen. Mit dem Gipfel ist es bei den allermeisten Kletterer so, dass sie entweder (wo dies möglich ist) wieder über die Routen in der Südwand abseilen oder sie Queren über das Mergelband am Ende der Südwand nach links Richtung Abstieg und schenken sich die Kraxelei zum Gipfel. So wird der wirkliche Gipfel eher selten besucht. Der Kletterroute „Schreck-Heel“ wurden mit der Neuauflage 2015 sogar noch „im extremen Fels“ Ehren zu Teil.
 
   
Freispitze, Rote Platte und Rotspitze gesehen vom Stierlahnzugjoch (Archiv-Bild aufgenommen am 05.04.2014)
 
 
 
   
Unser Aufstiegsweg (rot) und Abstiegsweg (gelb). Freispitze gesehen von der Holzgauer Wetterspitze (Archiv-Bild aufgenommen am 16.02.2019)
 
 
 
   
Freispitze gesehen von der Ruitlspitze (Archiv-Bild aufgenommen am 27.12.2018)
 
 
 
Nun sind natürlich Schwierigkeitsbewertungen immer so eine Sache und in Summe wird auch an der Freispitze nur mit Wasser gekocht, aber der gut 300 Höhenmeter hohe Gipfelanstieg ab dem Skidepot im Dreischartle zu Fuß hat es schon in sich und ist je nach Verhältnissen heikel. Hier ist definitiv der erfahrene Winteralpinist gefragt, der mit Steigeisen und Pickel im ausgesetzten brüchigen Steilschrofen-Felsgelände und je nach Verhältnissen auch mit Seil umzugehen weiß. Skitouren-und Lawinentechnisch stellt sicherlich der über 40° steile voll ostseitige Anstieg ins Dreischartle (2558 m) die heikelste Passage dar. Zudem gilt es zunächst mal einen ca. 11 km (!) langen zähen Marsch durchs Madau- und Alperschontal hinter sich zu bringen bevor die Tour so richtig losgeht. Summa summarum bekommt man also nix geschenkt und die Stufe 5 hat durchaus ihre Berechtigung.
 
Selbsverständlich ist diese Tour nur bei allerbesten Lawinenverhältnissen machbar!
 
 
 
   
Zunächst mal sieht es geschlagene 2 h und ca. 11km genau so aus…
 
 
 
   
wenn sich dann erstmals dieser Blick ins hintere Alperschontal öffnet biegt man endlich nach links ab und folgt zunächst grob dem Sommerweg Richtung Saxer Alm und die Tour geht eigentlich erst richtig los
 
 
 
   
man folgt dem Grießgampetal bergauf
 
 
 
   
eine gewaltige Lawine (auf diesem Bild ist nur ca. 1/3 der Anrisskante zusehen !!!) hatte einige Zeit vor unserer Tour das gesamte Dreischartlekar und das Grießgampetal ausgeräumt und ist bis ganz runter ins Alperschontal vorgestoßen
 
 
 
   
Querung unter der Freispitze Nordwand. Die namensgebenden drei Scharten sind gut zu erkennen. Das Skidepot im Dreischartle ist in der linksten, höchsten Einschartung
 
 
 
   
Allgäuer Hauptkamm von Süden gesehen. Bockkarkopf, Hochfrottspitze, Mädelegabel, Trettach, Kratzer, Großer Krottenkopf, Marchspitze Wolfebnerspitze usw. (v.l.n.r)
 
 
 
   
der über 40° steile enge Anstieg ins Dreischartle erfordert viele Spitzkehren
 
 
 
   
Spitzkehrenfestival…
 
 
 
   
da geht’s hoch. Blick vom Dreischartle (Skidepot) auf den weiteren Aufstieg zur Freispitze
 
 
 
   
bekannte Lechtaler Nachbarberge: Feuerspitze und Holzgauer Wetterspitze
 
 
 
   
bekannte Lechtaler Nachbarberge: Vorderseespitze
 
 
 
   
gleich zu Beginn stecken komischerweise für ein paar Meter einige Eisenklammern und ein Drahtseil. Das soll´s dann aber auch gewesen sein mit Versicherungen am „Dreischartle-Anstieg“
 
 
 
   
 
 
 
   
bald nach den Eisenklammern folgt je nach Verhältnissen gleich mal eine heikle Passage. Per ausgesetzter Querung über brüchige Steilschrofen muss eine parallel verlaufende Rippe erreicht werde. Diese Rippe oder die Flanke rechts der Rippe wird je nach Verhältnissen für den weiteren Aufstieg genutzt.
 
 
 
   
unterwegs auf der Rippe
 
 
 
   
unterwegs auf der Rippe
 
 
 
   
unterwegs auf der Rippe
 
 
 
   
im oberen Drittel steilt es nochmal merklich auf. Der markante Grau, Gelb, Rote Gipfelaufbau wird an seinem Fuße nach rechts gequert
 
 
 
   
Nach der Rechtsquerung am Fuße des markanten Gipfelaufbaus folgt die steile schuttige Gipfelrinne
 
 
 
   
Ausstieg aus der Gipfelrinne
 
 
 
   
vom Ende der Gipfelrinne aus trennen einen nur noch wenige Höhenmeter Kletterei vom Gipfel
 
 
 
   
Freispitze (2884 m)
 
 
 
   
Freispitze (2884 m)
 
 
 
   
bekannte Lechtaler Nachbarberge: Parseierspitze
 
 
 
   
Abstieg durch die Gipfelrinne
 
 
 
   
im Abstieg wählten wir unterhalb der Gipfelrinne den direkten Weg über die bei uns mit sehr grieseligem Schnee bedeckte Flanke südlich unserer Aufstiegsrippe.
 
 
 
   
unterbrochen von wenigen Felsstufen
 
 
 
   
unterwegs in den Weiten der Freispitz Westflanke
 
 
 
   
unterwegs in den Weiten der Freispitz Westflanke
 
 
 
   
Abfahrtsfreuden unterhalb des Dreischartle
 
 
 
   
 
 
 
   
was mit 11 km Talhatscher beginnt endet auch wieder damit,-) Das Alperschontal läuft noch sehr gut raus mit Ski, doch im Madautal ist dann je nach Anzahl und Härtegrat der Skidoospuren des Alperschontaler-Jägertourismus Schluss mit Abfahren und es darf kilometerlang geskatet oder gelaufen werden.
 
Im Bereich der Wildfütterung am Beginn des Alperschontal sollte dringend darauf geachtet werden diese zu mindestens nicht in der Dämmerung zu passieren. Gegenseitige Rücksichtnahme gebührt dies.
 
 
 
   
Die Freispitze gesehen aus dem Lechtal
 
 
 
Führer / Beschreibungen:
PDF siehe http://www.panico.de


Karten:
1:25000:               AV-Karte 3/3 Lechtaler Alpen – Parseierspitze
 
 
Viele Grüße
Joachim, Michael, Alban und Tobias
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#2
In Anbetracht der im Bericht schon erwähnten Riesenlawine welche einige Zeit vor unserer Tour das gesamte Dreischartlekar und das Grießgampetal ausgeräumt und ist bis ganz runter ins Alperschontal vorgestoßen ist war ich im Nachgang der Tour sowohl mit dem Lechtal/Allgäu Experte Kristian Rath sowie den Experten vom zuständigen Lawinenwarndienst Tirol in Kontakt. Hier zunächst mal noch das Bild mit der von mir skizzierten Lawinenlaufbahn und drei Bilder der Anrissbereiche.
 
 
   
Freispitze Lawine Winter 2019-2020. Lawinenlaufbahn über knapp 1000Hm (!)
 
 
 
   
das ganze Grießgampetal bis auf den Boden runter ausgeräumt - in diesem Bereich sehr geringe Anrisshöhe
 
 
 
   
Dreischartlekar unter der Freispitze Nordwand - in diesem Bereich sehr mächtige Anrisshöhe
 
 
 
   
Dreischartlekar unter der Freispitze Nordwand - in diesem Bereich sehr mächtige Anrisshöhe
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#3
Mailantwort Kristian Rath:


Hallo Tobias,


Vielen Dank für deine Rückmeldung und Gratulation zu dieser außergewöhnlichen Tour. Ich habe Patrick Nairz vom LWD Tirol auf CC gesetzt. Für ihn ist das sicher eine wertvolle Information.
 
Um deine Frage(n) zu beantworten, müssen wir in die Schneegeschichte des Winters zurückblicken und auch etwas zu den Lechtaler Alpen sagen. Diese liegen im Übergangsbereich zwischen dem Allgäuer Alpenrandklima und dem zentralalpinen Tiroler Klima. Je nach Winterverlauf überwiegt hier manchmal das feucht-schneereiche Nordwestklima von Allgäu und Bregenzer Wald, ober aber das zentralpine Tiroler Klima.  Nur in diesem Winter war alles anders!!!!!
 
Die Masse an feuchtem Schnee kam von Süden und nördlich des Inns kam zunächst kaum Schnee an. Die wenigen cm haben sich aufbauend umgewandelt, wie ich bei meiner Skitour am 8.12. 2019 auf den Schochen bei Hinterstein festgestellt habe. .
 
Danach folgten einige, nicht all zu starke NW Staulagen, die auch dem Allgäu und dem Lechtal Schnee brachten. Dazwischen gab es immer wieder einige kräftige Föhnlagen mit Tauwetter bis über 2000 m hinauf.
 
So: Jetzt liegt also zunächst mal flächig Schwimmschnee am Boden, überdeckt von gebundenen Schnee. Wir sprechen von einem Altschneeproblem.  Vielfach haben Föhn, Tauwetter und Sturm den Schnee ordentlich umgewandelt, so dass dieses Problem bald weitgehend verschwunden war. Aber nicht überall. Die Freispitze ist fast 2900 m hoch, liegt in keiner Föhnschneiße, das Dreischartelkar ist ein abgeschirmtes, konkaves Kar. Sprich hier konnte sich das Altschneeproblem halten. Irgendwann zwischen 27.12. und 3.1. muss sich dann diese Lawine selbst ausgelöst haben.  An anderen Stellen im Allgäu und im Lechtal haben sich durch Föhn, Tauwetter, Wind, Luftfeuchte schon bald die üblichen, meist gutartigen Alpenrandverhältnisse eingestellt. Nicht aber da hinten im Maudau.
 
Da dort hinten außer den Jägern niemand ist und niemand gräbt, hatte der Lagebericht von Tirol auch das Altschneeproblem nicht mehr auf dem Schirm. Wie auch, wenn sie keine entsprechenden Informationen erhalten.
 
Zum selber googlen: Altschneeproblem, Lawine Seebleskar, Lawine Jochgrubenkopf
  
Es war wohl eine ähnliche Situation wie 2017 im Seebleskar.  Im Seebleskar und weiter zum Großstein waren wir übrigens am 6.1.2019. Wir hielten oben große Sicherheitsabstände. Die Tour wurde zuvor schon am 2.1. gemacht. Auch weitere Touren wurden dort unternommen. Da es, auch in sehr steilen Touren zu keinen Vorfällen kam, gehe ich von einem lokalen Problem im Madautal aus.
 
Hier hilft eigentlich nur, auf Tour in die Schneedecke zu schauen.
 
Falls du auf facebook bist: Hier gibt es eine "Lawinengruppe" https://www.facebook.com/groups/lawinen/
 
Es wäre meiner Ansicht nach sinnvoll, wenn du diese Info auch der Allgmeinheit zugänglich  machen würdest. Bei stabilen Hochdruckwetter und Stufe 1 wird der eine oder andere sich doch den Traum einer Lechtaldurchquerung erfüllen wollen. Im Bereich der Memminger Hütte, Patrolscharte, Augsburger Weg usw. sehe ich nach dieser Info Probleme.
 
Gruß Kristian
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#4
Mailantwort Patrick Nairz (Lawinenwarndienst Tirol):

Danke Miteinander, 
 
super interessant. Abgangszeitpunkt sicherlich um Weihnachten, ich hätte eher auf den 25.12. getippt, aber das tut nichts zur Sache. 
 
Für mich passt das in ein anderes Bild eines sehr guten Sprengerfolges auf der Albona nach den Weihnachtsniederschlägen (bis zu 5m Anrissmächtigkeit). Die Lawine ist kammnah, schattig bis zum Grund gebrochen. Das Höhenband (des Altschneebruchs) war maximal 100m tiefer. 
 
Wenn ich mir eure Lawine anschaue, dann passt das auch in dieses Höhenband. 
 
Sicherlich einer der ganz wenigen Ausreißer, aber auf alle Fälle, im Hinterkopf zu behalten.
 
beste Grüße und wie immer - Danke euch für die superinteressanten und perfekt analysierten Infos!
Patrick
 
Marco: Bitte in Schneedeckenanalyse-Tafel eintragen!
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