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Piz Badile - Cassin (VI+, V+ obl., 800 m), Bergell 23.08.12
#1
„Die Badile-Nordostwand war für mich schon lange ein Begriff. Der Wunsch, die Sehnsucht nach ihr zu stillen, wurde immer brennender. Doch der Berg blieb für mich stets in unerreichbarer Ferne...
...die „angespannte“ finanzielle Lage soll mit Fahrrad überlistet werden“


aus: Hermann Buhl – Achtausend drüber und drunter. Es folgte sein legendärer Alleingang, mit dem Fahrrad von Innsbruck aus…


„...Immer steht die „Badile Nordost“ ganz vorn. Sie lockt schon von weit her, ob man vom Julier oder vom Unterengadin zureist, mit ihrer hohen reinen, steilen Nordkante. Noch aus der Froschperspektive, von Bondo her im Bergell, nimmt sie einem den Atem – steil wie ein glatter Riesenzahn!“

aus: Walter Pause - im extremen Fels.


Der “Cassin” in der Nordostwand des Piz Badile eilt ein unglaublicher Ruf als absolute Traumtour voraus. Tatsächlich der Bergell-Granit zeigt sich am Piz Badile von seiner allerbesten Seite und man steigt meist genüsslich an Schuppen und Rissen der Extraklasse empor. Das diese überaus berühmte Tour von Riccardo Cassin auch bei Florian und mir weit oben auf der Wunschliste steht ist klar und so starten wir bei relativ unsicherer Wettervorhersage ins Bergell. Trotz Wetter gingen sich mit der „Cassin“ und den „Cengalopfeiler“ zwei große Bergelltouren aus. Leider kam es wettermäßig dann auch so wie vorhergesagt und in der ersten Nacht gab es anhaltende und starke Niederschläge und die Badile Nordostwand war am nächsten Tag überwiegend nass. Doch der raue Bergell-Granit lässt sich auch bei Nässe erstaunlich gut klettern und wir stiegen nach 5 Seillängen am langen Seil und 4 h 15 min an der Nordkante aus.

Ganz besonders darf ich Florian zu seiner fünften der sechs großen Nordwände der Alpen gratulieren. Nach Eiger, Matterhorn, Grandes Jorasses, Großer Zinne und nun der Piz Badile Nordostwand ist die Sammlung von Florian fast komplett!!! Unglaublich...

    Piz Badile (3305 m) - Nordostwand

Bei aller Freunde über die flotte Begehung ist uns aber auch klar, dass es sich nicht um die komplette Originalroute von 1937 vom Cengalo Gletscher und mit Ausstieg durch den Trichter gehandelt hat, sondern eben nur über die heute gängige Route. Den Einstieg erreicht man heute meist elegant über Bändern vom Einstieg der Nordkante her und ausgestiegen wir vom Ende der langen Kaminreihe direkt nach oben an die Nordkante. Auch nicht vergessen sollte man heute, bei Bohrhakenständen und vielen Normalhaken, das große Drama bei der Erstbesteigung im Jahre 1937. Nach markantem Wettersturz starben Mario Molteni und Giuseppe Valsecchi im Abstieg an Erschöpfung. Selbst Gaston Rebuffat musste im Jahre 1949 nach Wettersturz zweimal in der Wand biwakieren.


„Beim Morgengrauen ist der Himmel klar. Wir schütteln den Schnee ab und die kleinen Eiszapfen, die der Atem rund um unsere Gesichter gebildet hat. Die wohltuende Wärme der Sonne dringt in unsere Körper ein. Wir schauen uns um: Kein einziges Stück Fels, das nicht von Schnee bedeckt wäre...Wir steigen mühevoll über die letzten Steilhänge ab, die Leiche von Valsecchi bis zum Wandfuß tragend...“

„Ermattet sinken wir auf die Lagerplätze. Wir können nicht mehr. Wir waren 52 in der Wand. Davon sind wir gut 34 geklettert. Zwölf Stunden lang hat uns der Sturm pausenlos gegeißelt. Eine tödliche Müdigkeit beraubt uns jeglichen Willens, und wir fallen sofort in den Schlaf.“


aus: Riccardo Cassin – Erster am Seil


„Wie auch andere Berge hat der Badile sich den Sieg der Menschen teuer bezahlen lassen“
„Zwölf Jahre lang blieb die Nordostwand des Piz Badile in Ruhe. Ihre große Schwierigkeit, Abgelegenheit und die tragischen Umstände ihrer Erstersteigung bewirkten, daß sich die Bergsteiger ihr fernhielten“


aus: Gaston Rebuffat – Sterne und Stürme, Die großen Nordwände der Alpen.


Dass die „Cassin“ heute regelmäßig unterschätzt wird sollte auch nicht verschwiegen werden. Die freundliche Hüttenwirtin der Sasc Furä erzählte uns von wöchentlichen Unglücken und Helikopterrettungen während der Sommersaison. Herumhängende und herumliegende Seile zeugen von jüngsten Rettungsaktionen. Außerdem liegt in der ganzen Tour auffällig viel Müll herum. Und zwar nicht nur die alten Blechbüchsen noch aus Cassins-Zeiten ;-) nein auch Plastikflaschen, Tüten, Riegelverpackungen usw... Also nehmt doch auch bitte den Scheiß wieder mit.

    kurz nach dem Start am Vorabend in Laret

Mit dem ersten Tageslicht stehen wir am Einstieg unter der nassen Piz Badile Nordostwand. Die Stimmung ist gut und wir sind hoch motiviert. Zunächst haben wir noch Hoffnung dass bald die Sonne scheint und die Wand etwas abtrocknet, denn wir sehen blauen Himmel. Dem sollte aber nicht so sein und Nebel und Wolken sollten dies leider die ganze Zeit verhindern. Direkt unterm Rebuffatriss seilen wir uns an und gegen 06:15 Uhr klettere ich los und fasse die ersten drei Seillängen bis zum Stand hinterm Türmchen zusammen.

    04:30 Uhr Abmarsch an der Sasc Furä
    die Reste des Schneefeldes auf dem Einstiegsband (Ende August)
    es kann losgehen, die Vorfreude ist groß
    Rebuffat-Verschneidung
   
   
    Florian hinterm markanten Türmchen

Vom Stand hinterm Türmchen geht es weiter am langen Seil ca. 5-6 Seillängen bis an den Fuß der markanten großen Verschneidung (Schlüsselseillänge) in Wandmitte. Vom einstigen Schneefeld ist dort Ende August auch nichts mehr zusehen.

   
   
   
    im Bereich des ehemaligen Schneefeldes, unter der Schlüsselseillänge

Nun folgt also die eigentliche Schlüsselseillänge der Cassin. Leider ist sie klatsch nass und ich muss etwas kämpfen und kann die wahrscheinlich toll zu kletternden Verschneidung nicht richtig genießen. Diese Seillänge haben wir dann auch klassisch gesichert mit Stand nach einer Seillänge. Achtung: Nach ca. 25 m die Verschneidung nach rechts verlassen und nicht bis an ihr ende klettern! Bei Topoguide, und im Topo von Marcel Dettling bestens zu sehen. Anlässlich seiner legendären und bekannten 1. Alleinbegehung von 1952, bei der Hermann Buhl von Innsbruck mit dem Fahrrad ins Bergell fuhr, in 4,5 Stunden durch die Badile „Nordostwand“ lief, über die Nordkante abkletterte und wieder mit dem Fahrrad zurück nach Innsbruck fuhr schreibt er über diese Seillänge:

„Links des Schneefeldes setzt nun die „Große Verschneidung“ an. Die Neugierde und das Kletterfieber lassen mich nicht lange ruhig verweilen. Ich bin schon sehr auf die Verschneidung gespannt. Verdammt glatt schaut sie aus. Aber mit viel Spreizen und guter Reibungstechnik wird sie sich schon frei erklettern lassen.“

aus: Hermann Buhl – Achtausend drüber und drunter.


    die leider klatschnasse Schlüsselseillänge
    die ersten Meter der Schlüsselseillänge
    Florian kurz nach der Verschneidung

Nach dieser Schlüsselseillänge geht es wieder am langen Seil weiter. Florian klettert wieder ganze fünf Seillängen bis ans Ende des berühmten V-förmigen „Wuzel“ Kamins. Leider ist auch er teilweise nass und dicker Nebel zieht durch die Wand und wir sehen uns oft nur schemenhaft, 60 m auseinander.

   
   
   
   
    Florian im berühmten V-förmigen „Wuzel“ Kamin
   
   

Die nächsten vier Seillängen gerade hoch bis zur Nordkante sind nicht mehr so nass und auch deutlich leichter. Nach ca. 4 h 15 min steigen wir gegen 10:30 Uhr an der Nordkante aus. Wir klettern aber noch rüber bis zum Hauptgipfel (III-IV) und anschließend wieder zurück bis zum ersten Muniring an der Nordkante.

   
    die letzten Meter vor dem Ausstieg auf die Nordkante
    auf dem Weg zum Gipfel
    auf dem Weg zum Gipfel
    Gipfel in Sicht
    ein neuer Aufkleber am Gipfel...
   
    abklettern zum ersten Abseilring
    abklettern zum ersten Abseilring
    Abseilen an der Nordkante
    irgendwann ist die Nordkante noch komplett zugebohrt... Zu den fetten Muniringen sind nun überall auch noch neue Ketten dazu gekommen.

Da ich die Badile Nordkante von einer letztjährigen Begehung mit Abseilen über die Kante noch sehr gut kannte haben auch wir von vornherein eingeplant über die Nordkante abzuseilen. Mit der richtigen Taktik, Abseilerfahrung und hoffentlich keinem Seilverhänger geht es eigentlich ganz gut und nach ca. 3 h sind wir am Einstieg der Nordkante angekommen. Das Wetter besserte sich Nachmittags sogar etwas und wir konnten wunderbar unser morgiges Ziel, den Piz Cengalo – NW-Pfeiler „Gaiser-Lehmann“ begutachten. Gemütlich steigen wir zurück zur Sasc Furä Hütte (1904 m).

    Piz Cengalo – NW-Pfeiler, unser morgiges Ziel
    Routenstudium
    Piz Badile – NO Wand
   
    Piz Badile
    an der Sasc Furä Hütte


Piz Badile (3305 m) – NO-Wand „Cassin“:
- EB: Riccardo Cassin, Gino Esposito, Vittorio Ratti, Mario Molteni und Giuseppe Valsecchi 14.-16.07.1937
- 2. Begehung: vermutlich Gaston Rebuffat und ? Bernard 1949
- 1. Alleinbegehung: Hermann Buhl 1952
- 1. Winterbegehung: M. Darbellay, C. Bournissen, P. Armando, G. Calcagno, D. Troillet, A. Gogna 1967
- Schwierigkeit: VI+ (in einer Seillänge), 2 kürzere Passagen VI, ansonsten V und V+, vielfach auch leichter
- Felsqualität: nahezu überall grandioser Bergellgranit. Geniale Kletterei an Schuppen und Rissen.
- Absicherung: Fast alle Standplätze mit einem oder zwei Bohrhaken ausgerüstet. Zwischensicherung an vielen Normalhaken, vorallem in den schwereren Passagen. Dazwischen auch weite Strecken ohne fixe Sicherungspunkte. Mit Cams und Keilen aber problemlos und nahezu überall zusätzlich absicherbar.
- Wandhöhe: ca. 800 m
- Kletterzeit: 6-8 h


Materialempfehlung:
- 60 m Doppelseil
- 10 Exen (einige davon lang)
- 8-10 Bandschlingen
- 1 Satz Keile
- 1 Satz Cams: 0.3 bis 3
- das sonstige, übliche Stand- und Abseilmaterial


Kletterführer / Topos: (sortiert nach Qualität)
Topo im Kletterblog von Marcel Dettling unter http://mdettling.blogspot.ch/2012/08/piz...in-6a.html

Topoguide, Band 1
1.Auflage 2005
Nicole Luzar, Volker Roth

Plaisir Süd
Edition Filidor
Jürg von Känel

Im extremen Fels
2. Auflage 1977
Walter Pause, Jürgen Winkler



AV-Karten:
1:25000: SAC Karte, 1296, Sciora


Viele Grüße
Florian und Tobias
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