Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Ortler Nordwand, Ertlweg, 24.4.2011
#1
   
Ortler Nordwand, gelb: leichte Zustiegsrinne, rot: Eiskletterteil ab Gurgel
   
Oberer Wandteil ab Gurgel mit Linienführung Nahe der Ertlrinne


Tourenpartner: Simon Steinberger


Ortler Nordwand. Eigentlich ne recht ordentliche Tour und kein Verlegenheitsziel. Nachdem das schlechte Wetter, welches von Südwesten an Ostern über die Westalpen an die Ostalpen heranzog unsere Tourenziele im Wallis oder den Bernern nicht zuließen waren wir etwas unschlüssig was tun. Welches lohnende Tourenziel sollten wir in den Ostalpen unter die Hauen nehmen? Da Simon bisher noch kein eingefleischter Skitourengeher ist schränkte sich die Auswahl daher etwas ein. Am Besten gleich ne lange Wand vom Auto weg, so die Devise. Kurzer Zustieg und Anfahrt war das Motto. Mir war hauptsächlich wichtig was Anregendes im Eis oder Mixed zu unternehmen. Die Woche zuvor war ich mit meinem Bruder mit Tourenski auf der Weissmies gestanden und hatte Lust auf Eiswände bekommen. Ich war den ganzen Winter nicht so richtig zum Eisklettern oder Mixedklettern gekommen, also a wengerl fordernd durfts daher schon sein. Obwohl Simon und ich beide schon die Ortler-Nord vor Jahren gemacht hatten wählten wir dieses Tourenziel aus. Eigentlich wiederhole ich selten große Touren aber die Ortler-Nord ist schon ein echtes Juwel und ein Megaklassiker.
Samstag Nachmittag via Fern- und Reschenpass nach Sulden gefahren und gegen 18 Uhr vor Ort festgestellt, dass wir wegen Nebel die eigentlicheWand gar nicht sehen können. Dafür war bei den warmen Temperaturen und einer für morgen prognostizierter Nullgradgrenze von 2900m schnell klar, dass der Zustieg über bodenlosen Sumpfschnee kein Spaß wird. Wir entschlossen uns daher nicht über den Sommerweg zu zusteigen der immer noch verschneit war, sondern über die in Aufstiegsrichtung gesehene linke Randmoräne des Martlferner aufzusteigen. Diese sah zumindest teilweise aper aus. Unser Plan war, direkt vom Auto früh zu starten um was den Abstieg betrifft flexibel zu sein und nach Möglichkeit wieder Spätabends zu haus zu sein, da ich noch auf eine 30er Geburtstagsfeier eingeladen war. Abends noch Pizzaessen gewesen, ja des macht scho mehr Spaß als Kocher und Schlafsack auf die Tabarettahütte zu schleppen und dort nen mickrigen Nudelsnäck selbst kochen. In der Nähe der Skilifttalstation haben wir neben dem Auto geschlafen und nach kurzer Nacht, ging um kurz nach 1 Uhr schon der Wecker. Beide ham mer die Nacht eher geschwitzt im Schlafsack, als gefroren. Immer noch wolkenverhangen und von nächtlicher Abstrahlung keine Rede, der Schnee um uns rum war nach wie vor bodenfeucht. Nach kurzem Frühstück fuhren wir mit dem Auto ein Stück die Straße zurück und stellten dieses in Der Nahe von Punkt 1828 ab und gingen gegen 2.15 Uhr los. In der Nähe führte ein Feldweg Richtung Seitenmoräne hinauf (in der Tabacco-Karte auch eingezeichnet) über den wir noch ca. 100Hm aufsteigen konnten und in einer Kehre nach rechts zur linken Seitenmoräne (orographisch rechts) wechseln konnten. Diese einmal erreicht gings wieder leichter auf oft aperem Fels und Schuttrücken hinauf. Weiter oben, wo sich der Moränenrücken zunehmend im Gletscher verliert zogen wir dann die Schneeschuhe an. Mit diesen sanken wir am Anfangs noch brachial im Naßschnee ein, aber mit zunehmender Höhe gings besser. Die Wand immer noch im Nebel. Mir kamen schon Zweifel ob mer einsteigen sollen als es plötzlich mit der Dämmerung aufriss und über uns blauer Himmel war.

   
Bei Morgendämmerung in der Zustiegrinne, blauer Himmel über uns

Die Ortler Nord besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen. Dem oberen Eiskletterteil, gerechnet ab der Gurgel und einem leichten unteren Zustiegsteil von auch ca. 600-700Hm. Die Schwierigkeiten beschränken sich also auf den oberen Wandteil mit ca. 500Hm. Die Rinne hatte guten Trittschnee, sogar teilweise pulvrig und mit Vorteil stiegen wir wegen den Steighilfen an den Schneeschuhen mit diesen noch ca. 300hm auf. Die gesamte Zustiegsrinne hat nie eine Steilheit über 45 Grad. Im Zustieg war dann bei nun freiem Blick auf die Wand schnell klar, die ist größtenteils blank. Wird schon besser sein, als es aussieht so die Hoffnung.

   
[i]Sonnenaufgang

Etwa 70 Hm unter Gurgel fanden wir ne einzelne Eisschraube mit Kappe im Schnee liegen und weiter oben einen einzelnen geknickten Teleskopstecken. Schon etwas ängstlich ob da noch ein ganzer Eiskletterer dranhängt haben wir den pulvrigen Schnee an dieser Stelle mal umgegraben aber gott sei Dank kam nichts sonst weiter zum Vorschein. Später erfuhr ich dass am Ostersonntag, vermutlich auf Höhe der Gurgel ein polnischer Eiskletterer bei Rasten in einer zuvor selbst eingedrehten Schraube als diese ausbrach ca. 500Hm die Zustiegsrinne abgestürzt ist. Wie durch ein Wunder überlebte dieser nahezu schadenfrei lediglich mit ein paar Blessuren. Sein Kletterpartner seilte über die Gurgel ab, wir fanden von ihm auch noch ne weitere Eisschraube (@Dolf: The screws will arrive you the next days. Sofern die Seilschaft hinter uns noch die Schraube weiter oben oder seine Handschuhe gefunden hat, ich hätte die Postadresse des Geschädigten).

   
Kurz unterhalb der Gurgel, endlich gehts los

Unterhalb der Gurgel dann großes Amphietheater. Rechts der Gurgel zieht in Falllinie vom höchsten Seracpunkt der „Holl-Witt-Weg“ herab.

   

Der Fels in dieser Route sah später von der Seite betrachtet nicht gerade sehr fest aus, und die Linienführung sticht einem auch nicht gerade als besonders ästhetisch ins Auge. Da würden die Eislinien weiter rechts schon mehr zu einer Eskapade verlocken, wäre darüber nicht der mächtige Hängegletscher. Aber zurück zur Tour………
Direkt unterhalb der Gurgel war dann Ende mit easy Steigen und der Beginn des Blankeises. Die Gurgel ist selbst bei besten Verhältnissen eigentlich immer blank, da kurz steiler und ne Engstelle durch die alle Schneerutsche aus dem oberen Wandtrichter durchmüssen. Besser nicht zu lange hier pausieren. Wir seilten uns an und mit allen 12 Eisschrauben bewaffnet zog ich los. Gerade die Gurgel hoch und bei der ersten Möglichkeit nach rechts raus auf einen flacheren Schneeriegel um im Trittschnee weitere Höhenmeter zu gewinnen.

   
Simon genau im Flaschenhals der Gurgel, Ich stehe bereits auf dem Flachen Schneeband am frühest möglichen rechten Ausstieg aus der Gurgel

   
Blankeis in der Gurgel

Simon kam nach als das Seil alle war und gemeinsam gings am langen Seil simultan weiter. Über eine Firnschneezunge konnte ich noch ca. 100hm schräg rechts empor Richtung Ertlrinne gewinnen. Nahe bei dieser, unterhalb eines Steilaufschwunges waren dann meine Eisschrauben alle und ich bezog Stand. Bis hierher gings noch flott. Unter uns kamen noch zwei Seilschaften die Zustiegsrinne empor. Wir entschieden uns nahe der Ertlrinne zu bleiben und oben wieder zur Wandmitte zu ziehen.

   
Pause vor dem nun folgenden steilen Eisteil nahe der Ertlrinne

Simon machte sich an die nächste Länge die sich nach wenigen Metern auf ca. 70 Grad aufsteilte und stellenweise sogar 80 Grad hatte.

Video zur Länge:
http://www.youtube.com/watch?v=i_aRuAeHSUU

Das Eis war spröde und ein gewisser Eisregen ließ sich nicht vermeiden. Da wir ganz rechts in der Wand kletterten hofften wir, dass sich die Seilschaft nach uns (die andere kehrte augenscheinlich wohl kurz unter der Gurgel um) bei einer Linienführung weiter in der Wandmitte dem Eisschlag zumindest teilweise entziehen könnte, was diese dann später auch taten.

   
steilste Länge der Wand

Nach 60 steilen Arm- und Wadelbeißer-Metern kam ich bei Simon am Stand etwas erschöpft an. Die nächste Länge war auf den ersten 30m noch mal steil und dann legte sich das Gelände zurück.

   
zweiter Steileisaufschwung, danach wurds flacher

Nachdem Simon diese zwei steilen Längen im Blankeis vorstieg, hatte ich das Glück auf den nächsten 100m wieder zumindestens größtenteils etwas Schneeauflage zu haben.

   
endlich wieder ein paar flachere Meter im Trittfirn

Da wir die Wand kannten peilten wir die linken Firngratschneide in welcher der Martlgrat in die Nordwand ausläuft, an. In weiteren ca. 30 blanken Eismetern erreichte Simon dann diese und in deutlich flacherem Gelände und wieder Trittschnee zog ich auf einer alten Spur noch weiter bis zum Ausstieg. Da wir wegen Nebel kaum mehr was sahen verfolgten wir die Spuren bis kurz unter den Gipfel bis wir so gegen 12 Uhr auf andere Ski und Fußspuren vom „Normalweg“ stießen.

   
Am Ausstieg, tolles Gipfelpanorama schaut anderst aus

Angesichts der schon fortgeschrittenen Zeit und dem für Abend angesagten Gewitter in den Bergen verzichteten wir beide auf die letzten wenige Meter zum Gipfel und machten uns unmittelbar an den Abstieg. Zwar verloren wir immer mal wieder die Skispur aber dank kurzem Aufreißen hatten wir soviel Sicht, dass wir den Weg hinunter zum Lombardibiwak eigentlich ganz passabel fanden. Wir blieben am Seil eingebunden, was gewiß kein Fehler war, denn mehrere Spalten weisen auf dem oberen Plateau nur dünne Brücken auf. Oberhalb des Lombardibiwak leitete uns dann eine gute Spur, die sogar an einer Stelle mit einem kurzen Fixseil versichert war. Am Lombardibiwak dann längere Pause und eigentlich schon recht platt.

   
Pause am Lombardibiwak

Ab nun war die Wegfindung klar, aber alles andere als kurz. Wir entschieden über den Sommerweg via Payerhütte nach Sulden abzusteigen. Auf dem Grat rüber zur Payerhütte, auf welchem man sich im Winter mühsam und exponiert von Gratturm zu Gratturm kämpft schaute ich neidisch auf die Skitourengänger hinab die bestimmt genussvoll nach Trafoi hinabschwangen. Die Ketten waren gut zu finden aber erforderten ganz unten nochmal 30m abseilen da die Ketten dann unter Schnee begraben waren.

   

Nachdem wir endlich die Payerhütte erblickten sollte eigentlich der Rest nur noch Hatscherei sein.

   
...da hinten komm mer her...

   
bis da vor zur Payerhütte und dann noch viel weiter müß mer no...

Aber angesichts der enorm warmen Temperaturen machten uns die Naßschneelawinen- schwangeren Hänge Sorge.

   
...einer der vielen Naßschneehänge die gequert werden mußten

Wir querten daher unterhalb der Payerhütte sehr nah an den Felsen. Der weg rüber zur Bärenkopfscharte war dann noch einmal länger wie gedacht (irgendwann verging dann auch die Begeisterung zum Photographieren) und an exponierten Stellen war leider das Stahlseil abgebaut worden, der Weg zugeschneit und der Schnee faulig. Ging dann aber doch ganz passabel. Endlich in der Bärenkopfscharte angekommen war angesichts mehrerer zu beobachtender Naßschneerutschen rüber zur Tabarattehütte schnell klar, dass wir da nicht rüberqueren. Einen kleinen kritischen 40m breiten Schneehang den wir queren mussten sicherten wir. Danach konnten wir auf einem aperen Geröllstrich den eine riesige Naßschneelawine zurückgelassen hatte bis zum Muttboden absteigen. Unser Ziel war irgendwie unterhalb des Muttboden direkt ins Tal hinab zu kommen. Im flachen Muttboden fanden wir linkerhand ein Bachbett, in welchem wir auf gut tragenden Altschneeresten, bis auf einer kleinen Umgehung einer Steilstufe bis ins Tal zur Straße kamen ohne die Schneeschuhe auspacken zu müssen. Gegen 19.15 Uhr waren wir nach 17h Tour wieder am Auto. Glaub wir hatten ganz verdrängt was für ein Schinder der Abstieg vom Ortler doch ist. Alles in Allem aber schon ne unheimlich lohnende und imposante Eiswand. Wir gönnten uns am Fuß vom Reschenpaß noch mal einen Pizzaeinkehrschwung und ich schaffte es zeitlich trotz der sich in die Länge gezogenen Tour noch zur Geburtstagsparty und meinen TAB´s (Tourenabschlußbierchen). Um 4 Uhr dann wirklich platt ins Bett.



Facts.:
Ortler Nordwand. Wandhöhe ca. 1200hm, davon etwa 700m bis zur Gurgel in meist einfach und seilfrei begehbarem Trittschnee mit einer Steilheit von max 45 Grad. Ab oder kurz unterhalbder Gurgel dann Beginn der eigentlichen Wandschwierigkeit. Je nach Linienführung mindestens 55 Grad mit wenigen Metern bis 70 Grad. Varianten im rechten Wandteil auch steiler mit Aufschwüngen bis 70-80 Grad. Die im Alpenvereinsführer noch vorgegebene Routenaufteilung im mittleren Wandteil beruht auf der Wegaufteilung durch den damaligen Hängegletscher und ist heute, da dieser nahezu komplett weggeschmolzen ist obsolet. Bei guten Verhältnissen im oberen Wandteil ca. 5-7h für die Wand. Bei Blankeis ca. 6-9h (etwa 1,5 bis 3h länger). Ab Auto ca. 2 bis 3h Zustieg zur Wand. 2050Hm ab Auto bis Ausstieg Nordwand. Sehr langer Rückweg über Payer und Tabarettahütte (zw. 5-7h), bei Nebel nur schwer zu finden. Abstiegsalternativen nach Trafoi oder bei sehr guten Verhältnissen, kalten Temperaturen und genügend Kraftreserven via Minnegeroderinne (oben 50-55 Grad).

Zur Orientierung und zum Vergleich: wir benötigten vom Auto (Start 2.15 Uhr) bis Aussstieg ca. 9h 45 min. davon etwa 7 bis 7,5h für die Wand (etwa 5h ab Gurgel bis Ausstieg und ca. 4,5h mit zwei Pausen von Auto bis Gurgel). Wir begannen gegen 7 Uhr mit der eigentlichen Kletterei an der Gurgel. Bei meiner letzten Begehung unter deutlich besseren Verhältnissen benötigten Christian und ich damals ab Wandfuß 5,5h und deutlich kürzer (ca. 5h) für den Abstieg via Tabarettahütte. Konditionell forderndes Unternehmen. Die Wand ist abgesehen von der allgemein drohenden Gefahr des Kalbens des oberen Ortlerferner sonst objektiv sicherer geworden wie früher (durch Abschmelzen des Seracs in Wandmitte). Wegen langem Fußabstieg empfiehlt es sich in etwa bei Morgendämmerung/Sonnenaufgang an der Gurgel zu sein.

Etwa 1h bis 1h15 von Ausstieg bis Lombardibiwak.

Material: im Aufstieg nur Eiskletterzeug und Schrauben notwendig. 60m Seil/Halbseil für Rückweg über Payerhütte dankbar (falls 20-30m abgeseilt werden muss). Sofern Rückweg über den Grat sehr verschneit ist und Sicherungsbedarf besteht evtl. wenige Köpfleschlingen und /oder kleines Keilset zu empfehlen. Vereinzelt am Abstiegsgrat Sicherungsstangen und Ketten.

Karte:
Tabacco: "Ortles-Cevedale" Blatt 08 (1:25000)

Guter Wetterbericht für die Region:
http://www.provinz.bz.it/wetter/bergwetter.asp

Wichtig, Webcam Ortler Nordwand:
http://www.sulden.it/webcam/


Weitere Tourenberichte/Infos zur Nordwand:
http://www.bergsteigen.at/de/touren.aspx?ID=266
http://www.rocksports.de/forum/showthread.php?tid=455
http://jmwilderkaiser.blogspot.com/2008/...dwand.html
http://www.bergportal.com/ortler-nordwand
http://www.seilschaft.it/ortler%20nordwand.htm


Videos zur Wand:
http://www.youtube.com/watch?v=WHAEBFt8tfI (dürfte aus diesem Frühjahr sein)
http://www.youtube.com/watch?v=vHKsvhDoXkc
Zitieren
#2
stark! sagt ein gratulierender und sich für den schönen Bericht bedankender Reiner
alles kann - nix muss! ||| www.geschichten-vom-reisen.de ||| be yourself, no matter what they say (sting)
Zitieren
#3
dann warts ihr also doch noch unterwegs, nicht schlecht!
tolle fotos und ein super bericht, wie immer halt :-)
dann warts ihr also doch noch unterwegs, nicht schlecht!
tolle fotos und ein super bericht, wie immer halt :-)
Zitieren
#4
Cooler Bericht, ja die Ski waren ein Traum, zwar ein wenig zacher zum Klettern aber die Abfahrt hat sich mehr als gelohnt.
Danke fürs Video verlinken, stimmt habe das Datum vergessen.

Mein Gschichtl gibt´s unter http://www.thamer.at/2011/04/29/nordwand...tler-2011/
Habe deine Story bei mir verlinkt, sind viele gute Infos drin - Danke!

Lg Flo (http://www.thamer.at)
Zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste