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Zsigmondyspitze (Feldkopf) - Feldkopfkante (V+, 600 mH), Zillertal 02.08.14
#1
„Die Feldkopfkante ist kaum bekannt, nichts ist abgeklettert, der Granit ist herrlich fest und rau. … Das Unternehmen Feldkopfkante ist freilich von Anfang an ein großzügiges und ein romantisches Abenteuer.“

„Bei allem Aufrieb vergesse man nicht die lange Zeit! Zustieg plus Kletterei plus langer Abstieg füllen einen langen Sommertag aus. Aber einen schönen - Hand drauf!“

aus: Walter Pause – im extremen Fels.


Das Unternehmen Feldkopfkante wird vermutlich auch in absehbarer Zeit eine Tour für Individualisten, Einsamkeitsliebhaber und/oder Pause-Sammler bleiben. Ein sehr mühsamer 4-5 stündiger Zustieg, Schwierigkeiten „lediglich“ im oberen 5. Grad, oft sehr grasdurchsetzter, nicht immer perfekter Fels und ein nicht enden wollender 2100 hm langer Abstieg sind nicht mehr unbedingt die Maßgaben der Zeit. Doch wem das alles nichts ausmacht, der kann hier jedenfalls einen ausgefüllten und schönen Tourentag in großem klassischem Ambiente mit Einsamkeitsgarantie erleben.

Nach seiner erfolgreichen Himalaya-Expedition im Frühjahr 2014 war ich nun seit langem Mal wieder mit Florian unterwegs. Mister Makalu Florian konnte als einer von lediglich drei Bergsteigern in der gesamten Vormonsun-Saison 2014 den Gipfel des 8463 m hohen Makalu ohne künstlichen Sauerstoff erreichen!!! Nähere Infos hier.

Die Zsigmondyspitze (ehemals Feldkopf), das „Matterhorn der Zillertaler Alpen“, galt bis ins Jahr 1879 als absolut unbesteigbar und es mussten hier schon die berühmten Wiener Brüder Emil und Otto Zsigmondy anrücken um dem Berg die Erstbesteigen abzuringen. Das war eben 1879. Im Jahr 1885 stürzte Emil Zsigmondy an der Meije in der Dauphiné nach Seilriss tödlich ab. Der Feldkopf im Zillertal wurde daraufhin nach ihm benannt.

Nun ist ja üblicherweise Ende Juli/Anfang August eine gute Jahreszeit für die ganz großen Touren. Doch der bisherige Sommer 2014 mit ständigem Dauerregen, instabilen Wetterlagen, einer Kaltfront nach der anderen, Schnee bis teils unter 3000 m lässt viele Wünsche offen. So geht es halt an diesem 02. August 2014 ins Zillertal. Am genau gleichen Tag vor einem Jahr beispielsweise haben wir mit dem „Scheideggwetterhorn“ noch ein ganz anderes Kaliber in Angriff genommen. Doch an so etwas ist zurzeit nicht einmal im Traum zu denken.

    Quelle: http://www.alpin-welt.at/index.php/zsigm...kante.html


Auch wenn es nicht allzu viel im Netz über diese Tour gibt, so finden sich doch zwei gute Beschreibung. Eine findet sich hier bei alpin-welt.at und die andere hier bei extrem-collect.de. Das erste Bild dieses Beitrages bietet einen wunderschönen Gesamtüberblick des Berges, jedoch ist der eingezeichneten Routenverlauf im unteren Teil falsch! Eine sehr gute Textbeschreibung findet sich auch im alten AV-Führer „Zillertaler Alpen“.

Von Ginzling (985 m) im hintersten Zillertal geht es mit dem Auto zur Tristenbachalm (ca. 1200 m), dem Ausgangspunkt im Floitental. Hier Übernachten wir am Auto und am nächsten Morgen starten wir um 04.30 Uhr ins lange Floitental. Am Steinbockhaus vorbei und bis zur Bockbachalm. Hier noch ein paar hundert Meter weiter talein bis nach rechts eine Hängebrücke über die Floite führt. Der schwer zu findende Aufstieg aus dem Talgrund ins "Bichlerkar" sollte man sich gut in den Beschreibungen durchlesen und auf der AV-Karte 35/2 anschauen. Deshalb empfiehlt es sich auch das erste Tageslicht im Bereich der Hängebrücke abzupassen (ca. 45 min ab Tristenbachalm). Von der Hängebrücke durch dichtes unübersichtliches Unterholz mühsam relativ gerade nach oben in den wilden Graben der „Bichlerkarklamm“. Rein optisch kommt einem vom Talgrund aus betrachtet, der einen Graben taleinwärts liegende Graben der „Schinderklamm“ etwas besser vor. Doch der alte Jägersteig führt in die „Bichlerkarklamm“! (Bezeichnungen nach AV-Karte 35/2). In der Klamm folgt man einem steilen Bachbett mehr oder weniger bis der Jägersteig nach links aus der Klamm abzweigt. Dieser Abzweig muss zwingend gefunden werden! Der Jägersteig war bei uns mannshoch zu gewuchert und nahezu nicht zu erkennen. Um Überhaupt dort vorwärts zu kommen musste ein Stock zur Sense umfunktioniert werden

    mühsam durchs Bachbett der Bichlerkarklamm - durch die enormen Regenmengen in letzter Zeit war hier alles sehr instabil und gefühlt das ganze Erdreich in Bewegung
    im Urwald der Bichlerkarklamm - Florian mit der Sense

Der Jägersteig folgt schließlich über einige Leitern und Drahtseilen dem Rücken zwischen „Bichlerkarklamm“ und „Schinderklamm“ und ist plötzlich sogar erstaunlich gut zu erkennen. Nach der kleinen Jagdhütte ist es aber mit gutem Steig bald wieder vorbei und nachdem man sich im unteren Teil bereits das Seepferdchen im „Huflattich Schwimmen“ redlich verdient hat, gibt es nun noch die Auszeichnung im „Alpenrosen Schwimmen“ zu verteilen.

    die kleine Jagdhütte und der Blick über das Floitental Richtung Greizer Hütte und Großer Löffler
    der erste Blick auf die Zsigmondyspitze (roter Pfeil)

Man erreicht das Bichlerkar und quert ganz leicht fallend nach links ins Sonntagsfeld. Beim Übergang zwischen den beiden Karen sieht man das erste Mal die ganze Feldkopfkante und heute leider auch das der untere grasige Teil noch sehr nass ist. Das Sonntagsfeld wird ansteigend gequert und schließlich durch eine markante Grasrinne ein kleiner Sattel erreicht. 4 h haben wir bis hier benötigt. Von hier aus sieht man auch zur Feldscharte und somit zum, in alter Literatur erwähnten, Zustieg von der Berliner Hütte. Bei diesem Zustieg steigt man von der Berliner Hütte auf markiertem Weg in die Feldscharte auf und von dort über die nordostseitige Rinne (Schnee oder Schutt) quasi direkt zum Einstieg der Feldkopfkante ab. In der Literatur wird davon aber abgeraten. In Anbetracht des mühevollen Zustieg aus der Floite sollte man diese Möglichkeit aber meiner Meinung nach nicht ganz außen vor lassen. Zumal wenn man die Feldkopfkante nicht als Tagestour machen will, sondern über die Berliner Hütte angehen will.


    Zsigmondyspitze (Feldkopf) – Feldkopfkante
    Blick zur Feldscharte und den zweiten möglichen Zustiegsweg (Absteigend durch die Schneerinne)

Über nasses, aufgeweichtes Gras geht es von dem kleinen Sattel auf der Rückseite der Kante empor und wir klettern noch ein ganzes Stück weit seilfrei weiter.

    im unteren Teil der Feldkopfkante
    im unteren Teil der Feldkopfkante
    im unteren Teil der Feldkopfkante
    im unteren Teil der Feldkopfkante

Im unteren Teil ist uns die Seillängen-Beschreibung und das Topo von extrem-collect etwas suspekt und so richtig zu ordnen können wir es nicht. Vermutlich haben wir im Bereich der 7. Seillänge (V, 50 m) das Seil ausgepackt. Allerdings haben wir davor nie einen größeren Quergang gemacht. In der Pause Skizze ist gar von einem 40 m Quergang die Rede. Alles etwas dubios und vieleicht haben wir die im Topo eingezeichneten Direktvariante an der Kante erwischt. Jedenfalls waren beide Seillängen zwar nicht allzu schwer aber doch sehr anspruchsvoll und nicht immer gut absicherbar.

    unsere 1. SL (V ?) am Plattenpfeiler - anspruchsvoller als es den Anschein hat
    unsere 2. SL (V+?) am Plattenpfeiler - anspruchsvoller als es den Anschein hat

Es folgen zwei einfachere Seillängen in geneigterem Blockgelände. Das ganze Blockgelände ist teils wild in einander verkeilt und nicht immer ist alles fest. Wir nehmen das Seil nur schnell auf und gehen im 5 m Abstand gleichzeitig bis an den Beginn der offensichtlichen Grasquerung unterhalb der markanten großen Felsnase. Ab dieser Grasquerung waren wir auch mit dem Topo d´accord.

    wild verkeiltes Blockgelände
    Grasquerung unterhalb der markanten großen Felsnase
    Grasquerung unterhalb der markanten großen Felsnase

Es folgen eine steile Blockverschneidung, blumige Passagen und ein paar Meter traumhafter Granit …

    12.SL (V/V+) Blockverschneidung
    schöne Granitabschnitte …
    … und herrliche Tiefblicke ins Floitental
    auch der Botanikfreund wird bei dieser Tour voll auf seine Kosten kommen.
   

Nun ist man unter Felsnase hindurch und in zwei langen, einfachen Seillängen klettert man Rückseitig wieder Richtung Gratkante empor um direkt an der Kante entlang zu der markanten Ausstiegsrinne zu gelangen welche in die Scharte rechts vom Gipfel führt (alles im Bereich III-IV). Wir sind nicht direkt in der etwas erdigen Ausstiegsrinne geklettert sondern ein paar Meter links davon.

    auf dem Weg zurück an die Gratkante
    im Bereich der Ausstiegsrinne

Von der Scharte geht es in einer letzten Seillänge (ca. IV) über flechtige Platten aufs Gipfelplateau und in wenigen Metern zum höchsten Punkt der Zsigmondyspitze (3089 m). Nach 3,5 h am Seil stehen wir bei dichter werdenden Wolken am Gipfel.

    die letzte Seillänge vor dem Gipfel
    Zsigmondyspitze (3089 m)
    Zsigmondyspitze (3089 m)

Als Überraschung zieht Florian noch eine Flasche Bier aus dem Rucksack und so genießen wir die Zeit am Gipfel noch ein paar Minuten länger. Der anstehende Regen ist inzwischen zwar offensichtlich, doch bei einem Abstieg von 2100 Hm kommt es auf ein paar Minuten Regen mehr oder weniger auch nicht mehr drauf an.

Mit dem Abstieg über den Südgrat (Normalweg, Stellen III) folgt gleich noch die nächste Pausetour (allerdings „im schweren Fels“). Wenigstens bleibt es hier noch trocken und so erreichen wir nach 15 min abklettern und absteigen die Feldscharte (2909 m).

    Zsigmondyspitze - Südgrat (Normalweg)
    Zsigmondyspitze - Südgrat (Normalweg)

Von der Feldscharte quert man dem Berg entlang hinüber in die Melkerscharte (2814 m). Inzwischen hat es begonnen zu regnen… Nun folgt der lange, lange Abstieg durch das Tal mit dem Namen „Die Gunggl“ bis hinaus nach Ginzling (985 m) im Zillertal. Knapp 3,5 h ab Gipfel hat der Abstieg gedauert. Ein netter Wanderer fährt uns gleich freundlicherweise wieder bis zur Tristenbachalm im Floitental hoch und wir sparen uns langes Anhalter spielen. Alternativ ginge es in knapp 45 min zu Fuß zurück zum Auto oder man deponiert sich vielleicht ein Fahrrad.

    Blick von der Melkerscharte auf die Zsigmondyspitze, rechts am Bildrand die Feldscharte
    durch “Die Gunggl” erfolgt der lange Abstieg
    Abstieg durch “Die Gunggl” im Regen
    Abstieg durch “Die Gunggl” im Regen


Literatur und Informationen zur Feldkopfkante:
Im extremen Fels
1. Auflage 1970
Walter Pause, Jürgen Winkler

AV-Führer Zillertaler Alpen
8. Auflage 1978
Bergverlag Rother
Heinrich und Walter Klier

Beschreibung bei alpin-welt.at

Beschreibung und Topo bei extrem-collect.de


zusätzliche Literatur und Informationen zum Abstieg über den Normalweg (Südgrat):
Hochtouren Ostalpen, 100 Fels- und Eistouren zwischen Bernina und Tauern
3. Auflage 2008
Bergverlag Rother
Edwin Schmitt, Wolfgang Pusch

Im schweren Fels
1. Auflage 1970
Walter Pause

Beschreibung und Topo bei bergsteigen.com


Landkarten:
AV Karte 35/2
Zillertaler Alpen Mitte
1:25000


Viele Grüße
Florian und Tobias
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Zsigmondyspitze (Feldkopf) - Feldkopfkante (V+, 600 mH), Zillertal 02.08.14 - von Tobias - 05.08.2014, 17:08

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